Vor einigen Tagen durchwühlten Jack und ich unsere Schränke und Kartons im Keller. Eigentlich suchten wir nach alten Bewerbungsunterlagen von mir.
Bewerbungsunterlagen, und wenn sie noch so alt sind, sind Gold wert.
Während wir so wühlten und suchten, kamen auf einmal Gegenstände, Schriftstücke etc. pp. aus meinem „alten“ Leben hervor. Erinnerungen an eine Zeit, die so
unkompliziert war. Man erinnert sich daran, wie man einst dachte und sein Leben führte. Vor allem aber wie man damals plante sein Leben in Zukunft zu führen. Ich wollte zum Beispiel früher
niemals Kinder haben. Die wollte ich erst als ich erfuhr, dass ich keine kriegen könnte. Wie sehr ich keine Kinder bekommen kann weiß ich ja heute. ;)
Ich habe früher viel gezeichnet und geschrieben. Als ich mit ca. zwanzig Jahren so für mich wusste, welchem Beruf ich hauptsächlich nachgehen wollte, waren meine
Eltern geplättet. Sie verstanden das mal wieder als ein Aufbegehren, denn es war ja klar: Dieses Kind ist kreativ. Warum also Finanzen, Buchungssätze und Verwaltung?? Heute kräht kein Hahn mehr
danach, obwohl sie es immer noch nicht verstehen. Bislang versteht es keiner, der mich wirklich kennen gelernt hat und besonders keiner, der mich schon länger als länger kennt. Dazu gehören ja
auch Freunde, Bekannte und Verwandte. Das Hinterfragen hat natürlich nie aufgehört. Zwischenzeitlich stellte ich mir selber diese Frage, fand allerdings recht schnell für mich eine Antwort. In
meinem Kopf und in meinem Leben geht so ziemlich alles drunter und drüber. Ich suchte mir also etwas, was Ordnung in mein Leben bringen könnte. Buchhaltung ist dann doch das aller beste Mittel.
xD
So trocken und fad und voller durchorganisierter Ordnung. Eines kann ich jedenfalls sagen: Zwischen meinem Kleiderschrank und meinem Schreibtisch liegen WELTEN
(!)
Verblüffend, nicht wahr?
Aber das ist nicht alles an Erinnerungen die zu Tage kamen. Im nächsten Moment streckte Jack mir ein altes, noch ungebundenes Buch von mir entgegen. Ich habe es
damals, zusammen mit anderen aus der Sumatra-Gruppe, geschrieben. Vier Wochen waren wir damals also auf Sumatra, einer indonesischen Insel. Unser Projekt war, missgestalteten Kindern aus
ärmlichen Verhältnissen zu helfen. Die meisten davon kamen mit einem Wolfsrachen auf die Welt. Eine Folge von mangelhafter Ernährung während der Schwangerschaft. Keine Seltenheit in dieser Welt.
Wir arbeiteten zunächst von Deutschland aus ehrenamtlich, indem wir einen Kiosk eröffneten. Was wir von dort aus einnahmen, wandelten wir u.a. in Operationsbesteck aus Deutschland um und brachten
es höchst persönlich nach Sumatra in die Krankenhäuser. Auch bei einigen Operationen an den Kindern waren wir dabei. Fotos in diesem Buch belegen das. Wir selber lebten, um einiges besser
nachempfinden zu können, selber in ärmlichen Verhältnissen. Ich gebe zu, wenn man sich allein die gegenwärtig politischen Verhältnisse dort ansieht, war das damals weniger als ein Tropfen auf den
heißen Stein. Aber immerhin eine recht wertvolle Erfahrung.
Wie lange nehme ich mir nun schon vor dieses Buch binden zu lassen und eventuell zu veröffentlichen? (Natürlich dann auch wieder ehrenamtlich).
Bisher habe ich es jedenfalls nicht in die Tat umgesetzt und immer wieder wenn ich dieses Buch in Händen halte frage ich mich, was mich in all der Zeit eigentlich
aufgehalten hatte. Jetzt gerade frage ich es mich wieder.
Auch andere Bücher, von mir selber geschrieben, (die ich allerdings nicht veröffentlichen möchte bzw. muss), tauchten auf. Oder Liedtexte, welche ich damals für
meine alte Band geschrieben hatte. Bei wie vielen Bands war ich eigentlich insgesamt schon Mitglied? Wenn ich im Kopf so resümiere, müssten es auf jeden Fall ganze drei gewesen sein. Was tat ich
dafür, um damals überhaupt daran teilhaben zu können? Ach ja…. Ich spielte Klavier und Keyboard und fing zwischenzeitlich, (und dass recht spät), mit Gitarre an. Lange dahinter lag eine
Gesangsausbildung. Es gab also einige Gründe, warum ich mich Mitglied schimpfen konnte. Aber was ist jetzt? Jetzt ist nichts von all dem übrig geblieben, außer natürlich den Erinnerungen. Und das
stört mich noch nicht einmal. Es ist nicht so, dass ich diesen Zeiten hinterher trauere. Ich hatte sie ja und jetzt brauche ich sie nicht mehr. Aber wenn man mit dem Ganzen noch einmal
konfrontiert wird, und das passiert zwangsläufig wenn man seine Vergangenheit durchwühlt, dann fragt man sich schon was man früher wohl für ein Mensch war. Einige würden mich noch heute als eine
Idealistin bezeichnen. Mein Vater zum Beispiel. Und nicht immer ist bzw. war er zufrieden damit. Früher soll ich es auf jeden Fall gewesen sein. Ich war das schwarze Schaf in der Familie. Es
hieß, ich würde immer das Gegenteil von dem machen, was man von mir erwartete. Diverse Unverschämtheiten schrieb man mir zu. Kein Taktgefühl und immer musste ich sagen, was ich gerade dachte. Ob
nun passend oder unpassend. Ich bin eigentlich der Meinung, dass ich das auch noch heute tue, bloß ohne diesen pubertären Beigeschmack. Das finde ich besonders erstaunlich. Wenn man also die
Grenze der Dreiundzwanzig noch nicht überschritten hat, ist man unverschämt sobald man offen sagt was man denkt. Aber ich hatte natürlich auch nicht nur schlechte Eigenschaften: Ich soll auch
einen unheimlichen Gerechtigkeitssinn gehabt haben, sowie eine ziemlich soziale Ader. Besonders für Minderheiten. Heute hält man mich für unkompliziert und aufgeschlossen. Ja, sogar mutig meine
ich mal vernommen zu haben. Auf einmal bewundern einen die Menschen, weil man sich traut Sachen auszusprechen, die man ja eigentlich nicht ausspricht. „Sie hat sich ihre Kindlichkeit und ihre
innere Unschuld bewahren können.“, sagte vor ein paar Jahren eine alte Freundin meiner Mutter und blickte mir lächelnd nach. Ich habe sie mir nicht bewahren können. Viel mehr war ich nie in der
Lage sie ablegen zu können, aber gut. Ich muss ja sowieso immer Widerworte geben.
Als mein Vater damals von meiner Schwangerschaft mit Kjartan erfuhr seufzte er meiner Mutter nur in den Telefonhörer, „Hach, naja. Vielleicht macht es sie ja
vernünftiger…..“ Heute sind beide der Meinung, dass es tatsächlich so gekommen ist. (Das lassen wir jetzt mal so dahingestellt).
Beziehungen waren mir auch nie wirklich so wichtig. Es lief. Sofern nichts von Beziehung oder dergleichen in Sicht war, war es auch in Ordnung. Jedenfalls war ich
nicht auf der Suche. Es ergab sich immer so. Meistens waren es ja Irrtümer, aber das hatten wir ja schon. ;)
Das war, glaube ich, die größte Sorge meiner Eltern. Naja gut, eigentlich mehr die größte Sorge meines Vaters. Uns trennten ja immer recht viele Kilometer, (ja, ich
bin ein Scheidungskind), und darum bekam er immer nur sehr flüchtig einen Eindruck meines Lebens. Wie ich ihn damals oftmals verstanden hatte, hatte er den Eindruck von mir, dass ich durch
sämtliche Betten hüpfen würde. Hähä, wenn der wüsste was für ein Mauerblümchen ich in Wahrheit bin. ;)
Aber auch wieder erstaunlich: Was für schlimme Dinge einige Menschen, besonders die ganz nahestehenden, von einem denken und wie harmlos es dann tatsächlich ist.
Diese Vermutung, was meine Person betrifft, war nicht wirklich ungewöhnlich was heißen soll, dass mein Vater gewiss nicht der einzige Mensch war, der derartiges von mir dachte. Aber leider muss
ich diesbezüglich immer wieder enttäuschen: Ich bin geradezu langweilig.
Eine langweilige Idealistin, die mit ihren fast dreißig erreichten Jahren bloß mit insgesamt vier männlichen Wesen das Bett teilte, eine
bürokaufmännische Berufsausbildung absolvierte und nun Finanzbuchhalterin werden will. Tja. Angesichts dessen, dass meine Eltern damals eher vermuteten, dass ich heute hardrockenderweise auf oder
hinter diversen Bühnen herumlungern würde, mir dabei die Hucke voll saufe oder schlimmeres, ist mein tatsächliches Leben doch recht banal, oder? Ob sie wohl enttäuscht sind? Immerhin lagen sie ja
total falsch.
Naja, dafür bin ich auf andere Art und Weise Freak geblieben. Zum Beispiel zähle ich mich seit ca. siebzehn ( 14/8 Jahren), Jahren zu den eingefleischten
A.v.P.-Fans. Sogar Fanfictions schreibe ich unter anderem. Ich sammle Figuren und Bücher darüber. Nebenbei bin ich Moderatorin in einem A.v.P-Forum. Sind das nicht Sachen, die man als Mutter
eines bald Vierjährigen, Hausfrau, Lebenspartnerin und Buchhalterin, eigentlich nicht machen sollte? Vielleicht sollte ich recht schnell meinen Eltern davon berichten und ihnen sagen, dass ich
mir schon ziemlich bald einen Alienrunner-Wohnzimmertisch, gefertigt aus Motorradteilen, zulegen möchte. Aus Übersee versteht sich und schweineteuer. Ich denke sie wären glücklich darüber nach so
langer Zeit nun endlich wieder den Kopf wegen mir schütteln zu können. Von meinem Musikgeschmack erst gar nicht zu sprechen…… ;)))))
*Nachtrag*
Bevor ich es vergesse: Ich habe inzwischen mein Arbetiszeugnis erhalten. Was soll ich sagen? Das
was ich da las war ein TRAUM !!! *hüpf*
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